Jede Nachricht kommt aus einem anderen Fenster und trägt nur den Moment, in dem sie gesprochen wurde. Zwischen Flüstergeschichten und kleinen Pausen entsteht ein Hof voller Sehnsucht.
Mo 00:48, noch wach
Das Licht gegenüber
Also, ich weiß nicht, ob du noch wach bist. Bei mir brennt nur die kleine Lampe am Schreibtisch, und draußen klappert irgendwo ein loses Fensterbrett. Dein Fenster ist auch noch hell. Das ist inzwischen so ein vertrautes Rechteck für mich, dass ich mich dabei ertappe, hinzusehen, obwohl ich mir jedes Mal vornehme, es nicht zu tun. Heute hast du am offenen Fenster gestanden, mit dieser Tasse in der Hand. Ich konnte nur deine Silhouette sehen. Und trotzdem hatte ich plötzlich dieses warme Ziehen im Bauch. Vielleicht ist das albern. Vielleicht weißt du längst, dass ich dich beobachte. Jedenfalls habe ich heute länger auf meinem Balkon gesessen als nötig, nur weil du da drüben warst. Ich wollte dir eigentlich winken. Ich habe es nicht geschafft.
Nervös
Di 01:37, nie gesendet
Drei Worte am Fenster
Es war gestern, glaube ich. Oder heute, weil es schon nach eins war. Ich stand barfuß in der Küche und habe Wasser eingeschenkt, als ich dein Lachen gehört habe. Nur ganz kurz. Durch zwei offene Fenster, zwischen dem Summen der Straßenlaterne und dem Kühlschrank. Ich habe mich gefragt, mit wem du redest. Und ja, ich war eifersüchtig, obwohl ich dazu überhaupt kein Recht habe. Das ist vielleicht das Peinlichste daran. Wir haben bisher nur diese kleinen Begegnungen, ein Nicken im Hof, einmal die Tür aufgehalten, einmal zusammen im Regen gestanden. Und trotzdem habe ich mir ausgemalt, wie es wäre, wenn du irgendwann nicht mehr nur gegenüber wohnst. Ich würde dir wahrscheinlich sagen, dass ich dich mag. Nicht elegant, nicht klug. Einfach: Ich mag dich. Sehr. Und dann würde ich vermutlich auf meine Schuhe schauen.
Sehnsüchtig
Mi 23:16, Regenpause
Deine Jacke auf meinem Stuhl
Heute hat es geregnet, so stark, dass der Hof nach nassem Stein gerochen hat. Du bist unten angekommen, hast deine Jacke ausgeschüttelt und mich unter dem Vordach gesehen. Wir haben nur ein paar Minuten geredet. Über den Regen, über den kaputten Briefkasten, über nichts. Als du gegangen bist, hast du deine Jacke kurz bei mir über den Stuhl gehängt, weil du beide Hände für die Schlüssel gebraucht hast. Sie war später natürlich längst weg. Aber ich habe diesen Stuhl nicht sofort wieder freigeräumt. Ich musste lachen über mich selbst. Es war nur eine Jacke. Trotzdem war da dieser kleine Abdruck von Wärme auf der Lehne, und plötzlich fühlte sich meine Küche anders an. Vielleicht ist Nähe manchmal genau so. Nicht spektakulär. Nur etwas, das für einen Augenblick bleibt, nachdem jemand gegangen ist.
Verträumt
Do 02:04, zu ehrlich
Ich habe dich vermisst
Du warst drei Tage nicht da. Ich habe es bemerkt. Das sage ich jetzt einfach, weil diese Aufnahme ohnehin niemand außer mir hören sollte. Jeden Abend habe ich automatisch zum Fenster gesehen, und jedes Mal war es dunkel. Heute ging unten die Hoftür, und ich wusste schon an deinen Schritten, dass du es bist. Das ist absurd, oder? Ich kannte deinen Schritt, bevor ich deinen Schlüssel gesehen habe. Du hast hochgeschaut, und für eine Sekunde dachte ich, du würdest etwas sagen. Stattdessen hast du nur gelächelt. Ich habe zurückgelächelt, viel zu breit wahrscheinlich. Seitdem sitze ich hier und höre den Regen an der Scheibe. Ich glaube, ich habe dich vermisst. Nicht nur dein Gesicht im Fenster. Deine Anwesenheit. Dieses Wissen, dass irgendwo gegenüber jemand lebt, dessen Blick mich jedes Mal ein bisschen aus dem Gleichgewicht bringt.
Offen
Fr 00:29, nach dem Hof
Der Moment an der Tür
Ich habe heute beim Abschließen länger gebraucht, weil ich wusste, dass du hinter mir durch die Haustür kommen würdest. Ich hörte deinen Schlüssel, dann deine Schritte, dann dieses kurze Zögern, bevor du gesagt hast: Warte. Es war nur ein Wort. Aber ich habe es noch auf dem ganzen Weg nach oben im Kopf gehört. Du wolltest mir eigentlich nur sagen, dass mein Schal auf der Bank lag. Ich wusste das. Du wusstest, dass ich es wusste. Und trotzdem standen wir da, mitten im kalten Hausflur, viel zu nah für einen so banalen Satz. Deine Hand hat meinen Schal berührt, nur ganz kurz, als du ihn mir gegeben hast. Ich habe danach auf meinem Balkon gestanden und versucht, mich wieder normal zu fühlen. Hat nicht funktioniert.
Kribbelnd
Sa 01:12, altes Geheimnis
Was ich damals verschwieg
Ich muss dir etwas sagen, obwohl du es wahrscheinlich nie hören wirst. An dem Abend, als wir uns im Hof verabschiedet haben, wollte ich dich fragen, ob du mit mir einen Kaffee trinken möchtest. Ich hatte den Satz sogar fertig im Kopf. Dann hast du gefragt, ob ich morgen früh arbeiten muss, und plötzlich habe ich nur noch genickt. Feigling, dachte ich später. Seitdem denke ich manchmal an diesen kleinen Moment zurück. Nicht mit großem Bedauern, eher wie an eine Tür, die einmal offenstand und dann langsam zufiel. Heute habe ich dich wieder gesehen, mit nassen Haaren und einem Einkaufskorb im Arm. Du hast mir zugerufen, dass der Aufzug wieder funktioniert. Ich musste lachen. Vielleicht ist es noch nicht zu spät für einen Kaffee. Vielleicht brauche ich nur endlich den Mut, die Tür nicht wieder zufallen zu lassen.
Wehmütig
So 22:51, offene Balkontür
Bleib noch fünf Minuten
Die Stadt ist heute erstaunlich leise. Nur ein Fahrrad unten auf dem Pflaster und irgendwo ein Fernseher hinter einer Wand. Du bist auf deinem Balkon und liest. Ich kann die Seiten nicht sehen, nur wie du sie langsam umblätterst. Ich sitze hier mit einer Decke über den Knien und habe gerade beschlossen, nicht schlafen zu gehen, solange du noch draußen bist. Das klingt viel romantischer, als es ist. Eigentlich habe ich morgen früh einen Termin und werde mich dafür verfluchen. Aber gerade fühlt sich diese halbe Stunde zu kostbar an. Wenn ich jetzt rüberrufen würde, würdest du wahrscheinlich erschrecken. Also sage ich es nur in dieses Mikrofon: Bleib noch fünf Minuten. Vielleicht zehn. Lass den Hof so ruhig, wie er gerade ist. Ich mag es, dass wir beide hier sind, ohne etwas erklären zu müssen.
Zärtlich
Mo 02:22, letzter Satz
Vielleicht morgen im Hof
Das ist meine letzte Aufnahme für heute. Ich habe gerade das Fenster geschlossen, und plötzlich klingt alles gedämpft. Deine Stimme von unten ist nicht mehr zu hören. Vorhin hast du meinen Namen gesagt, ganz beiläufig, als du durch den Hof gegangen bist. Ich habe so getan, als hätte ich es kaum bemerkt. Dabei hat dieser eine Satz meinen ganzen Abend verändert. Ich glaube, ich habe lange versucht, meine Gefühle kleinzureden, weil wir uns gegenüberwohnen und ich nichts kompliziert machen wollte. Aber vielleicht ist es auch einfacher, ehrlich zu sein. Morgen früh werde ich mit meinem Kaffee in den Hof gehen. Nicht extra wegen dir. Na ja, vielleicht ein bisschen. Wenn du dort bist, frage ich dich, ob du Lust auf einen gemeinsamen Kaffee hast. Und wenn du nein sagst, werde ich damit leben. Wenn du ja sagst, werde ich wahrscheinlich den ganzen Rückweg lächeln.
Hoffnungsvoll